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Lasst uns erinnern

22. März 2024

Einer der großen und weitverbreiteten Irrtümer im Umgang mit Trauernden: „Ich spreche den Menschen lieber nicht auf die verstorbene Person an, es macht ihn sicherlich nur traurig, wenn ich ihn daran erinnere.“ – Entwarnung! Immer wieder berichten mir Hinterbliebene, dass sie diese Vorsicht im Umgang mit ihnen erleben. Dabei denken sie ohnehin ständig an ihren verstorbenen Partner, die tote Ehefrau, das Kind, das fehlt. Da schläft kein Hund, der geweckt werden könnte.

„Es ist für mich eine solche Freude, wenn andere etwas von meinem Mann erzählen“, sagte neulich eine verwitwete Frau mit Strahlen in den Augen. Wie ein Geschenk sind diese Eindrücke aus einer fremden Perspektive. Wie haben andere den Menschen erlebt? Was haben sie an ihm geschätzt? Wie hat er ihr Leben bereichert? Was von ihm lebt in ihnen fort? Ja, war da vielleicht auch etwas schwierig für sie an der verstorbenen Person, das aber zwingend zum Gesamtbild gehört?

Warme, ehrliche, wertschätzende Worte für einen verstorbenen Menschen zu finden kann Hinterbliebenen so guttun. Die falschen oder ungeschickte Sätze zu sagen – klar, das kann auch passieren. Schweigen aber ist wie ein Schlag ins Gesicht. Schweigen scheint von jetzt auf sofort die Erinnerung an den Menschen auslöschen zu wollen, als habe er nie gelebt. Schweigen scheint ignorieren zu wollen, was Trauernde völlig ausfüllt: der Verlust ­– und die Sehnsucht, irgendeine Art von Verbindung aufrecht zu erhalten oder neu zu etablieren.

Insofern nur Mut. Lasst den Verstorbenen weiterleben im zugewandten Gespräch, im bewussten und geteilten Erinnern.

Nachtrag: Etwas anders liegen die Dinge am Arbeitsplatz, der für manche die einzige Gelegenheit ist, von ihrer Trauer zu pausieren. Hierzu mehr in einem der nächsten Beiträge.