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Na, nu muss doch mal wieder gut sein.

23. Juni 2022

Ein immer wiederkehrendes Motiv im Erleben trauernder Menschen: die Ungeduld der anderen. Da soll sich dann oft genug schon nach drei Monaten was getan haben. Da dürfte er eigentlich nun aus dem Gröbsten raus sein. Da könnte sie sich doch wieder ein bisschen mehr einbringen – schließlich muss das Leben doch weitergehen.

Nein, liebe Leute, so funktioniert das nicht, zumindest nicht für jede und nicht für jeden. Klar, manchmal geht es schneller: Nach langer Krankheit mag der Tod eher als Erleichterung empfunden werden. Oder der trauernde Mensch steht auf eine Art im Leben, die es ihm ermöglicht, den Verlust gut einzuordnen und erstaunlich bald seinen Umgang damit zu finden. Unter Umständen getragen von Familie, Freunden und einer Weltanschauung, die Halt gibt.

Aber viele Menschen werden doch über lange Zeit von der Trauer und ihren Ausdrucksformen begleitet: Der Schmerz durchzieht den Tag, die Nacht ist einsam, der Schlaf schlecht, die Motivation nimmt nicht zu, die Sehnsucht brennt weiter, die Orientierung bleibt verloren, der Sinn des Lebens scheint nicht zurückzukehren.

Nicht umsonst heißt es, Trauern braucht Zeit. Die Trauer will ihre Dauer haben, und das Trauern lässt sich nicht beschleunigen. Warum auch? Trauer ist Entwicklung, ein Anpassungsprozess an ein Leben ohne …

Die Mühen der Gebirge liegen hinter uns / Vor uns liegen die Mühen der Ebenen.

Bertolt Brecht

Nun sind all jene, die mehr oder weniger stark zur Normalität drängen, nicht zwangsläufig unempathische Menschen, möglicherweise stehen sie der hinterbliebenen Person sogar nahe und haben eine Bedeutung in ihrem Leben. Sie sind aber noch nicht mit einem bedeutenden Verlust in Berührung gekommen. Das Gefühl der Trauer mag für sie eine Terra incognita sein, ein unbekanntes Land, das sie im Laufe ihres Lebens erst noch selbst entdecken müssen – und werden.

Also: Bitte gebt den Menschen, die einen Verlust erfahren haben, Zeit und überlasst es ganz ihnen, wie lange sie brauchen. Seid geduldig, denn der trauernde Mensch nimmt durchaus wahr, wenn er nach vielen Monaten noch nicht ok sein darf. Und das hilft ihm, mehr als Ihr denkt.

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Bindungen, Verlust und Trauer

18. Mai 2022

Wie sich ein Mensch nach dem Verlust seiner Partnerin, nach dem Tod seines Partners fühlt und verhält, wie die hinterbliebene Person trauert, das hängt nicht zuletzt von der individuellen Qualität der gelebten Beziehung ab.

Der Autor und Seelsorger Waldemar Pisarski hat sich in seinem Buch „Anders trauern – anders leben“ den vielfältigen Bindungen gewidmet, die sich zwischen zwei Partner*innen im Laufe der Zeit entwickeln. Mit seiner grafischen Veranschaulichung arbeiten auch Dozent*innen im Bereich Spiritual Care bei der Ausbildung angehender Ärzt*innen.

Pisarskis Buch, 1982 erschienen, ist noch etwas alte Schule der Trauerbegleitung. Der Autor orientiert sich darin an Sigmund Freuds Diktum, wonach Trauerarbeit erfordere, das Verlorene loszulassen und somit alle Bindungen zu lösen. Das sieht man heute anders. Als Trauerbegleitende ermutigen wir Hinterbliebene, dem verlorenen Menschen einen neuen Platz zu geben, um so den Verlust in ihr Leben einzubinden.

Gleichwohl ist die Arbeit mit dem Modell von Waldemar Pisarski sehr eindrücklich, was ich im Rahmen einer Fortbildung für zukünftige ehrenamtliche Sterbebegleiter*innen erleben konnte.

Auf zwei Flipcharts wurde jeweils eine/r der zwei Partner*innen dargestellt, zwischen den beiden ein drittes Flipchart mit einem unbeschriebenen Papier in Plakatgröße. Nun lud ich alle Teilnehmer*innen der Fortbildung ein, Linien zwischen den beiden Personen auf dem Papier zu ziehen und diesen Bezügen eine bestimmte Qualität zuzuordnen. Was könnte die zwei Menschen miteinander verbinden?

Diese Übung braucht Ruhe und Zeit, denn wenn man meinen mag, jetzt sei doch bereits vieles benannt und die vormals weiße Fläche ordentlich gefüllt, genau dann werden aus den stillen Kammern der menschlichen Erfahrung und des Einfühlungsvermögens weitere Arten von Bindungen hervorgeholt und ergänzt.

Am Ende waren die beiden durch vielerlei Aspekte miteinander verbunden: durch geteilte Werte, eine gemeinsame Geschichte und Visionen für die Zukunft; durch Körperlichkeit und Humor; durch Versprechen, die sie sich gegeben haben, oder die Erziehung der Kinder; aber auch durch erlebte Enttäuschungen, eine wie auch immer geartete Form der Abhängigkeit oder Konflikte, die sie im besten Falle gemeinsam gelöst haben.

Dann, ohne Ankündigung, drehe ich das rechte Flipchart um – dieser Mensch ist gestorben. Und die Bindungen? „Sie sind nicht gegangen“, so beschreibt es Pisarski, „sie sind noch da und laufen ins Leere.“

Ein beklemmender Moment für alle Anwesenden, haben sie sich doch eben noch in die mögliche Beziehung dieses Paares eingefühlt.

Für die Ehrenamtlichen ist dies die Situation, mit der sie im Rahmen von Begleitungen in Berührung kommen. Für uns alle ist es das Erleben, wenn die Partnerin, der Partner stirbt. „Trauerarbeit besteht darin, diese Bindungen, die jetzt ziellos im Raum stehen, wieder zurückzunehmen“ – und die Art unserer ganz persönlichen Bindungen zu dem verstorbenen Menschen, so ist zu ergänzen, prägt die Weise unseres Trauerns.

Die beiden Grafiken sind dem Buch „Anders trauern – anders leben“ von Waldemar Pisarski entnommen. Darauf aufmerksam geworden bin ich durch den sehr empfehlenswerten Band „Sexualität in Zeiten der Trauer“ von Traugott Roser.